Mendel-Grundmann-Gesellschaft e.V.

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Sie interessieren sich für jüdische Regionalgeschichte? Dann sind Sie hier richtig! Die MGG beschäftigt sich seit 50 Jahren mit der Geschichte der Juden in unserer Stadt Vlotho. Wenn Sie sich über unsere Arbeit informieren wollen, finden Sie viel Lesenswertes auf dieser Website...

Geschichte der Juden in Vlotho (Kurzfassung)

Die ersten Juden
Wann sich die ersten Juden in Vlotho niedergelassen haben, ist nicht bekannt. Belegt ist, dass um 1690 drei jüdische Familien hier ansässig waren. Es waren die Familien des Jobst Jakob, des Israel Spanier und der Witwe Salomon Levi.

Durch ein so genanntes „Geleitspatent“ des Fürsten wurde den jüdischen Familien das Recht eingeräumt, sich in Vlotho häuslich niederzulassen und den Handel zu betreiben, der den anderen Juden in der Grafschaft Ravensberg erlaubt war. Zwei solcher Judenschutzbriefe aus dem Jahre 1690 sind erhalten geblieben und somit die wichtigsten Dokumente zur Geschichte der Juden in Vlotho.

Eindrucksvolle Überreste der jüdischen Geschichte unserer Stadt sind die noch recht gut erhaltenen Grabsteine vom alten jüdischen Friedhof am Oberg, die jetzt das Mahnmal am jüdischen Friedhof an der Wasserstraße umrahmen. Der älteste Grabstein stammt aus dem Jahre 1713.

Die ersten Vlothoer Juden waren Viehhändler und Schlächter. Aber sie waren auch mit dem Garn- und Leinenhandel befasst, zumal Ravensberg damals schon als das „Linnenländchen“ galt. Der preußische König versprach sich von den Juden, die er ins Land ließ, eine Belebung der Wirtschaft und eine zusätzliche Einnahmequelle.
Die Juden mussten nicht nur ein jährliches Schutzgeld entrichten, sondern bei jedem Familienereignis war der Staat beteiligt. Bei einer Heirat, einer Erbschaft oder gar beim Tode eines Familienmitglieds war damals jeweils ein Gulden an den König fällig. Außerdem musste Rekrutengeld, „Kalendergeld“ und Geld an die Armenkasse gezahlt werden.

Juden in Wirtschaft und Gesellschaft
Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der in Vlotho ansässigen Juden stetig zu. Auch nach der Judenbefreiung (1807 durch Napoleon) blieben die Juden ihren traditionellen Berufen treu. Sie verkauften den aus dem Baltikum eingeführten Leinsamen an die Landbevölkerung und kauften das gesponnene Garn wieder auf, um es an Webereien in Westdeutschland zu liefern. 1843 gab es in dem kleinen Städtchen Vlotho (damals mit etwa 2000 Einwohnern) 135 jüdische Einwohner. Die meisten jüdischen Einwohner hatte Vlotho 1850: 137. Das war die Zeit, als in Vlotho die Synagoge an der Langen Straße gebaut wurde (1850/51).

Bis zum Bau der Eisenbahn war Vlotho ein bedeutender Umschlagplatz. Die Waren, die auf der Weser ankamen, wurden hier auf Fuhrwerke umgeladen und ins ravensbergische und lippische Land transportiert. Durch den Bau der Köln-Mindener Eisenbahn ging die Bedeutung Vlothos als Umschlagplatz zurück. Die handeltreibenden Juden mussten sich andernorts neue Betätigungsfelder suchen.
Der Anteil der jüdischen Bevölkerung ging deutlich zurück: 1871 lebten noch 107, 1905 nur noch 81 jüdische Personen in der Stadt.

Aus den hier verbliebenen Juden wurden überwiegend Kaufleute mit Ladengeschäften in der Stadt, vornehmlich in der Langen Straße. Ein Adressbuch aus dem Jahre 1926/27 listet mehr als ein Dutzend jüdischer Geschäfte und Unternehmen auf. Das größte Ladengeschäft am Ort hatte Max Rüdenberg. Dort, wo heute das Wesercenter steht, stand ein Fachwerkbau, in dem er auf 650 qm Verkaufsfläche ein breites Angebot an Textilwaren präsentierte. Das zweitgrößte Bekleidungsfachgeschäft war das Kaufhaus Loeb, Lange Straße 104, direkt am Kirchplatz (heute Einrichtungshaus Zurheide). Der einzige jüdische Industriebetrieb im Amt Vlotho war das Familienunternehmen der Gebrüder Mosheim. In der Papierfabrik am Bonneberg waren ca. 35 Arbeiter beschäftigt. Auffällig ist, dass die jüdischen Geschäftsleute an der Zigarrenfabrikation, der Haupterwerbsquelle der Vlothoer Bevölkerung, keinen Anteil hatten. Die jüdischen Geschäfte haben durch ihre Konzentration in der Hauptgeschäftsstraße, der Langen Straße, das Vlothoer Stadtbild entscheidend mit geprägt.

Judenhetze und Judenhass auch in Vlotho
Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 war das Verhältnis von christlichen und jüdischen Bürgern in Vlotho harmonisch und unproblematisch. Die Vlothoer kauften gern in den jüdischen Geschäften ein, wo sie – wie bei Rüdenberg oder Loeb – vorbildlich bedient wurden. Trotzdem kam es auch hier schon Ende März 1933 zu antijüdischen Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte im Zuge des Boykottaufrufs der NSDAP. Am 31. März 1933 wurde von örtlichen Organisationen der SA, SS und dem Stahlhelm ein Boykottumzug durchgeführt, der am Brückenkopf mit einer Rede eines NS-Propagandisten endete.
Stephen H. Loeb, Sohn des Textilkaufmanns Gustav Loeb, erinnert sich als Betroffener an die ersten Boykottmaßnahamen in Vlotho:
„Ich stand an der Ecke, wo der Kirchplatz und unser damaliges Haus und Geschäft an der Langen Straße einen Winkel bilden. Im Dunkeln der Nacht hatten schon einige ‚tapfere’ Mitglieder der Partei die Schaufensterscheiben mit Backsteinen zertrümmert.. Die Eingangtür war mit einem Hakenkreuz verziert worden, und die Bevölkerung wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Inhaber, Gustav Loeb, ein Jude sei…“ Als Stephen H. Loeb unter den Uniformierten viele bekannte Gesichter sah und mit anhören musste, wie die Freunde von gestern „Juda verrecke! Kauft nicht beim Juden!“ riefen, wurde ihm klar, „dass für jüdische Mitbürger in dieser Atmosphäre in einem solchen Land keine Zukunft mehr bestand…“

Die Erkenntnis des jugendlichen Hans Loeb, dass die Juden in Deutschland keine Zukunft mehr hätten, wurde leider von vielen jüdischen Bürgern – auch nicht von seinem Vater! – nachvollzogen. Die meisten Juden vertrauten deutscher Rechtstaatlichkeit, hielten diese gezielten antisemitischen Aktionen für vorübergehende Auswüchse und erkannten dabei nicht den tatsächlichen Ernst der Lage.

Unter den NS-Begriffen „Entjudung“ und „Arisierung“ erfolgte Schritt für Schritt die Ausschaltung der Juden aus allen Wirtschaftsbereichen und die Übernahme der Positionen durch nichtjüdische Deutsche, die vereinfacht als „Arier“ bezeichnet wurden. In den Zeitungen häufen sich die Anzeigen, dass wieder ein jüdisches Geschäft in „arischen“ Besitz übergegangen sei, so auch im Vlothoer Wochenblatt.
Betriebe, Grundstücke, Häuser und sonstiges Eigentum jüdischer Bürger wurden weit unter Wert verkauft. Die Erlöse gingen auf Sperrkonten, von denen nur geringfügige Beträge freigegeben wurden. Als die jüdischen Mitbürger schließlich deportiert wurden, durften sie je Person nur 25 kg Gepäck mitnehmen. Alles Bargeld, alle Wertgegenstände – außer den Eheringen – wurden ihnen abgenommen. Ihr Vermögen „verfiel“ dem Deutschen Reich. Dieses alles geschah mit Hilfe von Gesetzen und Verordnungen, die dem Verbrechen den Anschein von Legalität verleihen sollten. Dabei entlarvte sich aber der NS-Staat als das, was er von Anfang an war: als ein Unrechtsstaat.

Novemberpogrom 1938
„In Vlotho haben die Nazis gehaust wie Wilde“, so berichtet ein Augenzeuge über die Gewalttaten der Nationalsozialisten im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 („Reichskristallnacht“). Das Attentat des polnischen Juden Herschel Grünspan auf einen deutschen Diplomaten in Paris wurde von der NS-Führung als willkommener Anlass genommen, um im großen Stil gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen. Was wie „Volkszorn“ gegen die Juden aussehen sollte, war in Wirklichkeit eine von höchsten Stellen geplante und angeordnete Gewaltaktion gegen jüdische Gotteshäuser, jüdisches Eigentum und gegen jüdische Personen.

Im Gegensatz zum Reich, wo in der Nacht vom 9. zum 10. November die Synagogen brannten, spielten sich die Gewalttaten in Vlotho am helllichten Tage des 10. Novembers ab. Ziel war am frühen Morgen die Synagoge, gegen Mittag das letzte noch bestehende jüdische Geschäft und am Nachmittag die jüdischen Privathäuser und Mietwohnungen. Der Standort der Synagoge ist heute schwer zu beschreiben, da durch das Wesercenter das Gelände überbaut ist. Die Synagoge stand etwa im hinteren Bereich des heutigen Wesercenters, dort wo sich vor Jahren ein Supermarkt befand (zur Zeit leer stehend). Das Grundstück lag direkt an der Langen Straße (Nr. 66) und reichte bis zur ehemaligen Kleinbahntrasse hinunter. Im vorderen Bereich stand das alte Gebäude der jüdischen Schule, im hinteren Bereich, durch eine kleine Gasse erreichbar, die Synagoge. Das jüdische Gotteshaus war ein schlichtes Gebäude, aus verputztem Horststein errichtet und mit einem Ziegelsatteldach versehen. Es war 1850/51 erbaut worden. Es hatte 68 Sitze für Männer und 44 Sitze für Frauen (auf der Empore). An der Ostseite befand sich eine Apsis mit dem Thoraschrein und dem Predigerpult. Die Synagoge war mit einem Harmonium ausgestattet. Zu den Kultgegenständen gehörten drei Thorarollen, silberner Thoraschmuck, ein silberner Weinbecher, verschiedene Leuchter, ein Schofarhorn, ein Trauhimmel sowie verschiedene Vorhände und Decken.

Lange Zeit war unklar, wer in Vlotho das jüdische Gotteshaus zerstört hat. Hiesige Nationalsozialisten machten einen auswärtigen Zerstörungstrupp von SA- und SS-Leuten verantwortlich. Durch einen authentischen Augenzeugenbericht aus dem Jahre 1991 wissen wir aber heute Genaueres über die Zerstörung der Synagoge und über die Täter: es waren Personen aus der Vlothoer Amtsverwaltung! Der Augenzeuge war damals Lehrling bei der Amtsverwaltung und kannte die Personen gut, die an der Zerstörung beteiligt waren. Es waren ja seine eigenen Vorgesetzten:
„Am Morgen des 10. Novembers 1938 war ich zunächst im Nebenraum der Amtskasse beschäftigt. Von dort konnte man gut in den angrenzenden Garten gucken. Als ich an diesem Morgen aus dem Fenster guckte, sah ich, wie vier Männer mit Äxten und Vorschlaghämmern aus dem Rathause kamen und durch Rüdenbergs Garten in Richtung Synagoge gingen. Diese Personen waren:

Gustav Vogt, Vollziehungsangestellter bei der Amtsverwaltung Vlotho und SS-Sturmführer,
Wilhelm Krumme, Vollziehungsbeamter bei der Amtsverwaltung und SA-Rottenführer,
Siegfried Kambarthel, Angestellter der Amtsverwaltung Vlotho und SA-Mann.

An die vierte Person kann ich mich nicht mehr erinnern. Sie muss mir wohl unbekannt gewesen sein…“

Der Augenzeuge berichtet dann, wie er auf dem Weg zu Post und Sparkasse klirrende Geräusche von der Synagoge her gehört habe und – neugierig geworden –
auf dem Rückweg dann in die Synagoge hineingeschaut habe, zumal die Tür offen stand. „Ich trat einige Schritte hinein und sah, dass sich mehrere Personen in der Synagoge befanden, die dabei waren, die Synagoge zu zerstören, darunter die vier Personen, die ich vorher schon wahrgenommen hatte. Sie schlugen mit den mitgebrachten Werkzeugen auf alles ein… Sie benehmen sich alle wie wild geworden, wie verrückt…“

Er habe sich dann schnell entfernt, „denn vielleicht war das, was ich gesehen habe, etwas, was ich gar nicht sehen durfte…“

Diese Schandtat und die anderen Gewalttaten in Vlotho muss man im Zusammenhang mit der Tatsache sehen, dass sich der Landrat des Kreises Herford, Erich Hartmann, ein fanatischer Nationalsozialist, am frühen Morgen im Amt aufhielt. Da sich in der so genannten „Reichskristallnacht“, also in der Nacht vom 9. zum 10. November, in Vlotho nichts ereignet hatte, war er nach Vlotho gekommen, um hier die Initiative zu ergreifen. Er wird die entscheidenden Handlungsanweisungen gegeben haben, die dann zu den Ausschreitungen geführt haben.
Im Zuge der Gewaltaktionen drang ein Trupp von SA-Männern in das Textilhaus Loeb ein, demolierte die Ladeneinrichtung, verwüstete die Privaträume und warf Waren und Wertgegenstände auf den Kirchplatz. Am Nachmittag des 10. Novembers verlagerten sich die Gewalttaten auf alle jüdischen Häuser und Mietwohnungen.
Dort wurde erheblicher Schaden angerichtet, und die jüdischen Bewohner wurden in Angst und Schrecken versetzt.

Im März 1949 kam es vor dem Schwurgericht in Bielefeld zu einem Prozess gegen die nationalsozialistischen Gewalttäter. Dabei wurden vier Männer wegen ihrer Beteiligung an den Gewalttaten zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Die „Endlösung“: Deportation der Vlothoer Juden
In Hitlers Rassenideologie war die Vernichtung der Juden als „Endlösung“ vorausgedacht. Den förmlichen Befehl zur Vernichtung der Juden hat Hitler nach neuerer Forschung im Sommer oder Herbst 1941 gegeben. In der berüchtigten Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 wurden dann „die organisatorischen, sachlichen und materiellen Belange im Hinblick auf die Endlösung der europäischen Judenfrage“ erörtert und die entsprechenden Maßnahmen beschlossen. Damit war das Todesurteil nicht nur über die deutschen, sondern über alle europäischen Juden, die die nationalsozialistischen Verbrecher erreichen konnten, gesprochen.

Nach einer Volkszählung vom Juni 1933 lebten im Amt Vlotho 87 Personen jüdischen Glaubens. Durch Auswanderung (28 Personen) und Binnenwanderung (vor allem in die Großstädte) reduzierte sich die Vlothoer Judenschaft bis 1941 auf 25 Personen. Die Deportation der Vlothoer Juden geschah in drei Transporten. Zuvor waren sie in drei so genannten „Judenhäusern“ zusammengepfercht worden: Lange Straße 81 (Haus Silberberg), Lange Straße 83 (Haus Heynemann) und Höltkebruchstraße 9 (Haus Speier).

Die erste Deportation fand am 10. 12. 1941 statt. Davon war die Familie Juchenheim betroffen: Alwin Juchenheim mit Ehefrau Paula und den Kindern Lore (15 Jahre) und Hans (13 Jahre). Das Ehepaar Juchenheim holte aus diesem Anlass ihre beiden Kinder, die sich seit 1939 bei ihrer Tante in den Niederlanden aufhielten, nach Deutschland zurück! Mit Polizeibegleitung fuhren sie mit dem Zug nach Bielefeld. Von dort ging am 13. 12. 1941 ein Transport mit ca. 1000 Personen nach Riga.

Am 28./30. 3. 1942 wurden folgende Personen aus Vlotho verschleppt:

Erich Grundmann
Dora Grundmann
Magdalene Grundmann
Leonie Warschauer
Gerda Mosheim
Nathan Speier
Henriette Speier
Erna Speier
Emmi Speier
Gertrud Windmüller
mit Tochter Ruth (5 Jahre)

Über Bielefeld ging der Transport nach Warschau, ins Warschauer Ghetto.

Am 29. Juli 1942 wurden schließlich die letzten jüdischen Bürgerinnen und Bürger abgeholt:

Samson Heynemann
Hedwig Heynemann
Hedwig Levy
Moses Mosheim
Oskar Rosenwald
Louis Steinberg
Rebekka Silberberg
Willi Silberberg
Henny Silberberg
mit Tochter Jutta (15 Jahre).

Es waren überwiegend ältere Menschen, so der greise Samson Heynemann im Alter von 82 Jahren, die 81-jährige Rebekka Silberberg oder der 75-jährige Louis Steinberg sowie der schwerkriegsbeschädigte Willi Silberberg mit seiner Frau Henny und Tochter Jutta (genannt Marianne).

Der Transport ging von Bielefeld in das Konzentrationslager Theresienstadt. Obwohl dieses Lager eher ein Durchgangslager war und von den Nazis sogar als Musterlager propagandistisch dargestellt wurde, waren Versorgung, hygienische Umstände und die totale Überfüllung des Lagers auf die Vernichtung der Menschen angelegt. Gerade die alten Menschen, die keinen Lebensmut mehr hatten, wurden in kurzer Zeit dahingerafft.

Von den aus Vlotho Deportierten kamen nur zwei Personen zurück: Henny Silberberg und ihre Tochter Jutta (Marianne). Willi Silberberg, der Schwerkriegsbeschädigte, wurde in Auschwitz ins Gas geschickt. Durch glückliche Umstände konnten Henny und Jutta Silberberg Theresienstadt, Auschwitz und Groß-Rosen überleben. Nach einem langen Leidensweg kamen sie am 20. Oktober 1945 wieder nach Vlotho zurück. Aber Vlotho und Deutschland sind ihnen fremd geworden. Hier kann ihre Heimat nicht mehr sein. Sie wandern 1947 in die USA aus.

Auch Margarethe Bräutigam, die 1938 nach Neheim/Ruhr verzogen war und von dort deportiert wurde, kam aus der Verschleppung zurück. Von 1948 bis 1952 wohnte sie wieder in Vlotho. Auch sie wanderte zusammen mit ihrem Sohn in die USA aus.

41 Vlothoer Holocaustopfer
Da von den 25 Personen, die von Vlotho aus deportiert wurden, nur zwei zurückkehrten, muss man bei dieser Gruppe schon von 23 Opfern ausgehen. Dazu kommen jene, die in die Großstädte verzogen, ins Ruhrgebiet oder nach Hannover wie die Familie Gustav und Helene Loeb. Für unsere Statistik bleiben sie Vlothoer Juden, denn sie haben nicht freiwillig ihre Heimatstadt verlassen. Die Zahl der Opfer erhöht sich noch durch die in die Niederlande geflohenen Juden, denn viele von ihnen wurden nach der deutschen Besetzung dort aufgegriffen, interniert und schließlich in die Vernichtungslager deportiert. So kommen wir schließlich auf eine Zahl von 41 Opfern:

ILSE CHARIG
KLARA FRANK
MARIANNE FRANK
SELMA GRUNDMANN
ERICH GRUNDMANN
DORA GRUNDMANN
MAGDALENE GRUNDMANN
SAMSON HEYNEMANN
HEDWIG HEYNEMANN
EMMA JUCHENHEIM
ALWIN JUCHENHEIM
PAULA JUCHENHEIM
LORE JUCHENHEIM
HANS JUCHENHEIM
PAUL JUCHENHEIM
ERICH KATZ
IRMA KATZ
WERNER KATZ
HILDE KOHLBERG
HEDWIG LEVY
GUSTAV LOEB
HELENE LOEB
ANNA MARKUS
MOSES MOSHEIM
GERDA MOSHEIM
JOHANNA NUSSBAUM
OSKAR ROSENWALD
ADOLF RÜDENBERG
REBEKKA SILBERBERG
WILLI SILBERBERG
HILDE LORE SIMON
LOUIS STEINBERG
NATHAN SPEIER
HENRIETTE SPEIER
ERNA SPEIER
EMMI SPEIER
LEONI WARSCHAUER
GUSTAV WEINBERG
ELLA WEINBERG
GERTRUD WINDMÜLLER
RUTH WINDMÜLLER

Auf dem Mahnmal am jüdischen Friedhof, das 1969 errichtet wurde, sind allerdings 43 Namen eingraviert. Der Unterschied ist wie folgt zu erklären: Ernst Warschauer, der auf dem Mahnmal als Ehemann der Leoni Warschauer, geb. Grundmann, erwähnt wird, ist eigentlich kein Vlothoer. Er hat nach unseren Unterlagen nicht dauerhaft in Vlotho gelebt. Bei Marianne Loeb, die hier als Opfer geführt wird, haben ausführliche Recherchen zu dem Ergebnis geführt, dass ihr früher Tod – sie starb mit 19 Jahren als Schwesternschülerin in Berlin – nicht als Folge nationalsozialistischer Gewaltmaßnahmen angesehen werden kann, sondern offensichtlich auf eine zu spät erkannte Scharlachinfektion zurückzuführen ist.

Schritte der Versöhnung
1969: Das Mahnmal am jüdischen Friedhof
„Sind Vlothos Juden schon vergessen?“, so war ein Leserbrief überschrieben, den der nach Vlotho versetzte Studienrat Helmut Urbschat im Januar 1965 veröffentlichte. Es war ihm aufgefallen, dass seine Schüler am Weser-Gymnasium nichts über die Geschichte der Vlothoer Juden wussten. Mit diesem Leserbrief wurde eine Entwicklung eingeleitet, die noch im selben Jahr zur Gründung der Mendel-Grundmann-Gesellschaft führte. Der Verein hatte sich zum Ziel gesetzt, Kontakte zu den noch lebenden Juden, die Vlotho während der Nazizeit verlassen mussten, zu knüpfen und die Erinnerung an die Juden Vlothos in einer Chronik festzuhalten. Der Verein nannte sich nach dem jüdischen Kaufmann Mendel Grundmann (1844 – 1914), der wegen seines sozialen Engagements über seinen Tod hinaus hohes Ansehen genoss. Erstes konkretes Ziel des Vereins war die Errichtung eines Mahnmals für die Vlothoer Juden, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Hierbei war von großer Bedeutung, dass dieser erste Schritt zur Erinnerung an das Schicksal der Vlothoer Juden auch von jüdischer Seite unterstützt wurde. Stephen H. Loeb, Sohn der Kaufmannsfamilie Gustav und Helene Loeb, war 1938 nach Amerika emigriert und entkam so dem Holocaust. Fast alle seine Angehörigen wurden Opfer der Judenver-folgung. Er unterstützte das Vorhaben und trug Entscheidendes dazu bei, die Opferliste zu erstellen. Durch die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Stephen H. Loeb und dem Vlothoer Studienrat Helmut Urbschat, dem Mitbegründer der Mendel-Grundmann-Gesellschaft, kam es schon 1969 zur Errichtung der Gedenkstelen am ehemaligen jüdischen Friedhof an der Wasserstraße. Bei der
Einweihung des Denkmals hielt Stephen H. Loeb eine bemerkenswerte Rede, in der er sich wieder zu Vlotho als seiner Heimatstadt bekannte: „Die Stadt … nimmt durch dieses Gedächtnismal den Begriff ‚Heimat’ wieder voll an… Mit diesem Denkmal ehren Sie die Toten, uns und sich selbst“.

1988: „Jüdische Woche“ und Synagogengedenkstein
Nach der Errichtung des Mahnmals erlahmten die Vereinsaktivitäten der Mendel-Grundmann-Gesellschaft, so dass es 1974 zur formellen Auflösung des Vereins kam. Aber im Hinblick auf den 50. Jahrestag der „Reichspogromnacht“ bildete sich im Herbst 1984 ein „Arbeitskreis zur Geschichte der Vlothoer Juden“. Mitinitiator war wieder Helmut Urbschat. Die Mitglieder dieses Arbeitskreises forschten nun intensiv in den Archiven und in der Sekundärliteratur, interviewten Zeitzeugen und trugen aufschlussreiches Quellenmaterial zusammen. Im Herbst 1988 konnten sie ihre Ergebnisse in dem Buch „Sie waren Bürger unserer Stadt – Beiträge zur Geschichte der Juden in Vlotho“ der Öffentlichkeit vorstellen.
Aus diesem Arbeitskreis wurde auch die Idee geboren, anlässlich des 50. Jahrestages des Novemberpogroms die überlebenden Juden, die aus Vlotho stammen, in die Heimatstadt einzuladen. Die Stadt Vlotho nahm die Idee dankbar auf, allerdings mit der Auflage, dass die Kosten für Reise und Aufenthalt von den Bürgern der Stadt aufgebracht werden müssten. Im Zuge dieser Aktivitäten wurde im Februar 1988 auch die Mendel-Grundmann-Gesellschaft wiedergegründet. Ihre erste Aufgabe war, die Vlothoer Bevölkerung zu Spenden für dieses Projekt aufzurufen – mit Erfolg! Privatpersonen, Firmen, Vereine, Gewerkschaften, Kirchengemeinden und sogar Ratsfraktionen spendeten insgesamt über 31000 DM für dieses Vorhaben. Auch die Reaktionen der eingeladenen Juden in Groß-Britannien, in den USA und in Israel waren überaus positiv. Schließlich waren 21 jüdische Personen während der „Jüdischen Woche“ Gäste der Stadt. Höhepunkt war die feierliche Enthüllung der Gedenktafel in der Langen Straße durch Bürgermeister G. Wattenberg. Die an einem Findling angebrachte Tafel soll an die Zerstörung der Synagoge und an die Verfolgung und Vernichtung auch der Vlothoer Juden in der NS-Zeit erinnern. Alle Veranstaltungen der „Jüdischen Woche“ fanden in einer überaus harmonischen, ja zum Teil herzlichen Atmosphäre statt. Das Wort „Versöhnung“ stand im Mittelpunkt. Von den vielen Danksagungen, die uns später von jüdischer Seite erreichte, sei nur eine zitiert. Sue Alterman-Moss, Tochter des emigrierten Papieringenieurs Herbert Mosheim, schrieb: „Mir fehlen die Worte, um Ihnen die tiefe Dankbarkeit und Anerkennung auszusprechen für das, was Sie für mich getan haben. Zunächst, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, Vlotho zu besuchen; ferner, dass Sie mir das Buch überreicht haben, das ich als Schlüssel für meine Familiengeschichte betrachte und dafür, dass sich meine gesamten Gefühle über die heutigen Deutschen gewandelt haben…“

1991: Stephen H. Loeb Ehrenbürger der Stadt Vlotho
Auf Anregung des 1. Vorsitzenden der Mendel-Grundmann-Gesellschaft, Helmut Urbschat, bot die Stadt Vlotho 1991 Stephen H. Loeb die Ehrenbürgerschaft an.
Auf Grund der jahrelangen vertrauensvollen Zusammenarbeit fiel es Stephen H. Loeb nicht schwer – trotz grundsätzlicher Bedenken, die er wegen der Last der Vergangenheit haben musste – die Ehrenbürgerschaft anzunehmen. Am 25. September 1991, einen Tag vor seinem 75. Geburtstag, wurde Stephen H. Loeb in einem feierlichen Akt im Vlothoer Rathaus die Ehrenbürgerschaft verliehen.
In seiner Dankesrede sagte er über sich selbst:
„Wer war Hans Loeb?

Das sollte die einfache Antwort sein: Er war ein Überlebender der Schreckensherrschaft, ein Flüchtling, den wir als alten Vlothoer zurückgerufen haben, als lebendes Symbol der Versöhnung und als Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Mitbürger, an alle, die nicht mehr unter uns weilen…“

So werden wir ihn auch immer in Erinnerung behalten. Als Stephen H. Loeb 1998 plötzlich starb, haben die Stadt Vlotho, aber auch die Mendel-Grundmann-Gesellschaft ihm einen ehrenden Nachruf gewidmet. „Wir danken ihm für sein Wirken um Verständigung und Versöhnung“, heißt es im Nachruf der Stadt. Die Mendel-Grundmann-Gesellschaft betrauerte den Verlust eines guten Freundes, „den großzügigen Förderer unserer Arbeit zur christlich-jüdischen Verständigung“, der sich in hervorragender Weise um die Aussöhnung bemüht habe. Für die Arbeit der Mendel-Grundmann-Gesellschaft ist es ein Trost, dass die freundschaftlichen und vertrauensvollen Beziehungen zur Familie Loeb durch die Witwe Betty Loeb weiter fortgeführt werden konnten. Als Beweis dieses Vertrauens kann man die Übergabe der Privatbriefe der Familie Loeb an die Mendel-Grundmann-Gesellschaft sehen. Durch die Veröffentlichung dieser Briefe unter dem Titel „Wir wollen weiterleben…“ haben wir Stephen H. Loeb und seiner Familie ein besonderes Denkmal gesetzt.

Stolpersteine als individuelle Mahnmale
Seit 1996 verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig so genannte „Stolpersteine“.
Die 10 x 10 cm großen Steine, die mit einer Messingkappe versehen sind, werden zum Gedenken vor den Häusern bzw. Wohnungen der Opfer in das Pflaster des Gehwegs eingefügt. „Stolpersteine“ sind sie im übertragenen Sinne: Der Passant soll innehalten, die Daten, die auf der Messingplatte eingraviert sind, lesen und so auf das Schicksal des Opfers aufmerksam werden. Kinder und Jugendlichen sollen ihre Eltern, Großeltern oder auch ihre Lehrer nach der Bedeutung der Steine fragen und sie so zu Antworten oder Stellungnahmen auffordern. Damit wird das Thema – bei uns das Schicksal der Vlothoer Juden – immer wieder aktualisiert und dem Vergessen entrissen.

Die Aktion Stolpersteine fügt sich nahtlos in unsere Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit ein, die mit dem Mahnmal von 1969 begann. Während das Mahnmal von 1969 am jüdischen Friedhof als zentrales Denkmal zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der NS-Gewaltherrschaft zu verstehen ist, sind die Stolpersteine dezentrale, individuelle Mahnmale mitten in der Stadt. „Mit den Stolpersteinen sind die Vlothoer Juden symbolisch wieder in unsere Stadt zurückgekehrt“, so beschrieb Manfred Kluge in einer Feierstunde die Verlegung der Stolpersteine.

Einen besonderen Akzent bekam die letzte Stolpersteinverlegung im März 2007 durch die Anwesenheit von Sue Alterman-Moss, Tochter des Valdorfer Papieringenieurs Herbert Mosheim, der 1940 in die USA emigrieren musste. In ihrer viel beachteten Dankesrede würdigte sie ausdrücklich die jahrelange Arbeit der Mendel-Grundmann-Gesellschaft als einen beispielhaften Beitrag zu Toleranz und Verständigung. Wir werten die Tatsache, dass das Ehepaar Sue und Leonard Alterman nur wegen der Verlegung der Stolpersteine nach Deutschland gekommen war sowie der Inhalt der Rede als ein sichtbare Zeichen des Versöhnungswillens auch von jüdischer Seite.


Die Frage, die Helmut Urbschat 1965 an die Öffentlichkeit stellte: „Sind Vlothos Juden schon vergessen?“ ist durch die Arbeit der Mendel-Grundmann-Gesellschaft, die er über 20 Jahre als Vorsitzender geführt hat, nachhaltig beantwortet worden.
Durch die Verleihung des Obermayer German Jewish History Award im Jahre 2008 an Helmut Urbschat und Manfred Kluge in Berlin ist diese langjährige, kontinuierliche Erinnerungsarbeit von höchster jüdischer Seite anerkannt worden.

Literatur:
Manfred Kluge, Zur Geschichte der Juden in Vlotho: Geschichtslehrpfad Vlotho, Bielefeld 1998
Mendel-Grundmann-Gesellschaft (Hg.): Juden in Handel und Wandel der Weserstadt Vlotho, Begleitbuch zur Ausstellung SIE WAREN BÜRGER UNSERER STADT, Vlotho 2001
Mendel-Grundmann-Gesellschaft (Hg.): Gedenkbuch für die Vlothoer Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung, Vlotho 2008

Veröffentlichungen

Aktuelle Publikationen der MGG:

Manfred Kluge (Hg.), Sie waren Bürger unserer Stadt, Beiträge zur Geschichte der Juden in Vlotho, 312 Seiten, 2. Auflage 2013

Manfred Kluge (Hg.), Gedenkbuch für die Vlothoer Opfer, Begleitbuch zur Stolperstein-Aktion, 96 Seiten, 2008

Manfred Kluge (Hg.), Wir wollen weiterleben..., Das Schicksal der jüdischen Familie Loeb, 232 Seiten, 2003

Manfred Kluge (Hg.), Juden in Handel und Wandel der Weserstadt Vlotho, Begleitbuch zur Ausstellung, 64 Seiten, 2001

 

 

 

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